Lebenselixier Wasser: Blaue Flüsse, Grüne Ufer

Ruhr und Emscher zeigen sich 2017 von einer neuen Seite: Während an einer Badestelle im Seaside Beach erstmals seit mehr als 40 Jahren wieder das Schwimmen erlaubt wird, schreitet die Renaturierung zahlreicher Bachläufe im Rahmen des Emscher-Umbaus weiter voran.

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Schwimmbegeisterte Essener fiebern bereits seit Wochen auf einen sonnigen Tag in der zweiten Mai-Hälfe hin: Die Eröffnung der ersten Pilotbadestelle am Baldeneysee ist für viele einer der Höhepunkte der Grünen Hauptstadt Essen und ein Programmpunkt, der mit Spannung erwartet wird. Dann ist die Ruhr nach mehr als 40 Jahren – allerdings zunächst nur an der Badestelle am Seaside Beach – erstmals wieder offiziell zum Schwimmen freigegeben. Die Badestelle ist von Bojen eingegrenzt und es wird eine Aufsicht geben. Zudem stehen den Gäste Toiletten und Umkleiden für ein ungetrübtes Badevergnügen zur Verfügung.

NEUES FRÜHWARNSYSTEM

Ein gemeinsam von Ruhrverband, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasserforschung (IWW) und mehreren Universitäten getragenes Forschungsprojekt hat in den zurückliegenden Jahren gezeigt, dass die hygienische Wasserqualität an der Badestelle Seaside Beach am Baldeneysee an trockenen Sommertagen gut ist. Allerdings kommt es bei starkem Regen zu einer Verschlechterung, sodass dann ein vorübergehendes Badeverbot erforderlich wird. Ermöglicht wird das Baden in der Ruhr nun durch ein Frühwarnsystem, das Schwankungen in der Wasserqualität für das Badegewässer am Seaside Beach vorhersagt und künftig tagesaktuelle Aussagen möglich macht. Auf dieser Basis wird der Betreiber die Badestelle öffnen oder schließen. Wäre dieses Frühwarnsystem bereits im vergleichsweise trockenen Sommer 2015 genutzt worden, so hätte an etwa 50 Tagen gebadet werden können.

NATURA 2000 GEBIET

Von einer guten Wasserqualität profitieren nicht nur die Menschen: Mit der Heisinger Ruhraue liegt im Süden der Stadt ein Schutzgebiet mit europaweiter Bedeutung. Das Natura 2000 Areal Heisinger Ruhraue ist die Heimat von Libellen, Fröschen, Kormoranen und Graureihern. Seit 2004 steht die Auenlandschaft mit ihren Feucht- und Nasswiesen unter Naturschutz. Wenn die Ruhr im Frühjahr und Herbst über die Ufer tritt und Teile der Aue überschwemmt, ist das Gebiet Rastplatz und Nahrungsstätte für zahlreiche Zugvögel. Im Sommer erleuchtet ein Meer von bunten Blüten die Grünlandflächen. Zahlreiche Insekten und Amphibien finden in der Ruhraue einen idealen Lebensraum. Gleich mehrere Wanderrouten führen Naturfreunde durch das 150 Hektar große Gebiet und zu verschiedenen Beobachtungspunkten. Besonders beliebt sind Ausflüge in das Vogelschutzgebiet Heisinger Bogen, in dem eine Graureiher- und eine Haubentaucherkolonie zuhause sind.

GENERATIONENPROJEKT EMSCHER-UMBAU

Während im Jahr der Grünen Hauptstadt in der Ruhr wieder geschwommen werden kann, wird die Emscher vom Abwasserkanal zu einem natürlichen Fluss umgebaut. Das Generationenprojekt Emscher-Umbau zeigt, wie wichtig eine moderne wasserwirtschaftliche Infrastruktur für die Stadt ist. Zwei Drittel des Essener Abwassers werden über das Emscher-System entsorgt. In Essen-Karnap und Altenessen wurde der Fluss vor über 100 Jahren begradigt, seine Nebenläufe wie Berne, Borbecker Mühlenbach oder Schwarzbach wurden zu Schmutzwasserläufen, den sogenannten „Köttelbecken“. Als Folge der Kohle- und Stahlerzeugung floss das Schmutzwasser noch bis in die 1990er-Jahre ungeklärt in die Emscher. Seit 1992 kümmert sich nun die Emschergenossenschaft um den Umbau des Emscher-Systems. Jedes Gewässer erhält einen unterirdischen Kanal, durch den die Abwässer zu den Kläranlagen abgeleitet werden. Im gesamten Ruhrgebiet werden 400 Kilometer an neuen Abwasserkanälen unterirdisch verlegt, 45 Kilometer davon auf Essener Stadtgebiet. Die oberirdischen Bäche sind damit abwasserfrei und können anschließend naturnah umgebaut werden. Dort, wo der Platz es zulässt, erhalten die einst technisch begradigten Flüsse wieder einen kurvenreichen Verlauf.

Leben in der grünen Stadt

Im Rahmen des Bundeskongresses „Grün in der Stadt“ wird Dr. Barbara Hendricks am 8. und 9. Mai in Essen zu Gast sein und das Weißbuch zum Stadtgrün vorstellen. Die Bundesumweltministerin im Interview.

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Als der Titel „Grüne Hauptstadt Europas 2017“ nach Essen ging, waren viele erstaunt. Warum hat die Stadt den Titel aus Ihrer Sicht mehr als verdient?
Die Stadt Essen und die ganze Region haben in den letzten Jahrzehnten einen enormen Wandel erfahren. Früher verband man mit Essen Kohle und Stahl und damit schwarzen Staub, dicke Luft und schmutzige Flüsse. Heute denke ich sofort daran, dass Essen zu den grünsten Städten Deutschlands zählt und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern ein attraktives Wohnumfeld mit hohem Freizeitwert bietet.

Am 8. Mai werden Sie im Rahmen des Bundeskongresses „Grün in der Stadt“ das Weißbuch zum Stadtgrün im Essener Colosseum vorstellen. Welche Art von Handlungsempfehlungen enthält das Weißbuch und was erhoffen Sie sich vom zukünftigen Dialog?
Das Weißbuch enthält in zehn Handlungsfeldern konkrete Maßnahmen des Bundes für die Sicherung und Qualifizierung von Grün- und Freiflächen. Der Bund hat sich damit für die nächsten Jahre ein Arbeitsprogramm geschrieben. Mit Hilfe dieser konkreten Maßnahmen will der Bund zu grünen, lebenswerten, umweltgerechten und resilienten Städten beitragen. Das kann der Bund aber nicht alleine, dafür brauchen wir die Unterstützung der Länder, der Kommunen, von Verbänden, Vereinen und Stiftungen, der Wissenschaft, von Unternehmen und von den Bürgerinnen und Bürgern. Wir müssen urbanes Grün als Gemeinschaftsaufgabe begreifen. Dafür sind ein regelmäßiger Wissenstransfer und Dialog wichtig. Deshalb werden wir ein Dialogforum initiieren, das sich einmal jährlich zum Austausch trifft.

Worin liegt die wesentliche Bedeutung einer „Grünen Infrastruktur“ im Stadtraum?
Die Bezeichnung „Grüne Infrastruktur“ fußt auf der Erkenntnis, dass Natur vergleichbar mit der technischen und sozialen Infrastruktur gesamtgesellschaftliche Leistungen erbringt. Als ein Netzwerk naturnaher Flächen soll grüne Infrastruktur die Umwelt für den Menschen effizient sichern und verbessern. Im urbanen Bereich bedeutet dies die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden, sozialem Zusammenhalt und Teilhabe, biologischer Vielfalt und Naturerleben, von Klimawandelanpassung und Resilienz, nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung und einer ressourcenschonenden Stadtentwicklung. Urbane grüne Infrastruktur stärkt das Erscheinungsbild, die Standortqualität und Identität von Städten. Grüne Städte sind lebenswerte und attraktive Städte.

Wie sieht Ihre Vision der grünen Stadt der Zukunft aus?
Urbanes Grün ist ein wichtiger Baustein einer breiten Palette an Themen für die Stadt von morgen. Ein Patentrezept für die zukunftsfeste Stadt gibt es aber meiner Meinung nach nicht. Denn jede Stadt, jede Gemeinde muss individuell prüfen, welche Maßnahmen erforderlich sind, um eine lebenswerte grüne Stadt oder Gemeinde zu bleiben oder zu werden. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Städte über Grün- und Freiflächen im Wohnumfeld verfügen und diese fußläufig erreichbar sind. Das ist insbesondere für weniger mobile Menschen ganz wichtig. In der grünen Stadt der Zukunft spielen aber auch grüne Architektur, Dach- und Fassadenbegrünung und der Rückbau von nicht mehr benötigten Verkehrsflächen eine wichtige Rolle. Mit unserem Weißbuch wollen wir hierfür Impulse setzen und Hilfestellung geben.

Diskussionsrunde Kreuzeskirche

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Die Reihe der Diskussionsrunden in der Kreuzeskirche zu Themen der Grünen Hauptstadt ist Mitte März unter dem Titel „Mein Grün – Nur Infrastruktur oder lebenswerte Stadt?“ gestartet. Gut 200 Zuhörer verfolgten in der stimmungsvoll mit Kerzen erleuchteten Kreuzeskirche zunächst dem einleitenden Vortrag von Landschaftsarchitekt Andreas Kipar. Er schlug den Bogen von Robert Schmidts Grünplanung vor gut 100 Jahren über die IBA-Emscherpark bis zum Projekt „ESSEN. Neue Wege zum Wasser“. An der sich anschließenden Diskussion beteiligten sich zudem Marco Clausen (Gründer der Prinzessinnengärten, Berlin), Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor des Ruhr Museums) und Dr. Juliane von Hagen (Gründerin von stadtforschen.de, Essen). Die Moderation übernahm gekonnt TV-Wetterexperte Sven Plöger. Für Abwechslung sorgten Poetry Slammer Jason Bartsch und Cellist Florian Hoheisel.
Die nächste Diskussionsrunde in der Kreuzeskirche findet am 11. Mai statt und trägt den Titel „Mein Einkauf – Shoppen ohne Limit oder nachhaltiger Konsum?“.

Die grüne Lunge der Stadt

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Als Teil des „öffentlichen Grüns“ leisten Kleingärten einen großen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der Stadt – und das bereits seit über 100 Jahren. Damals noch von den Zechen- und Montangesellschaften bereitgestellt, kamen Familien in den Gärten zusammen, um der Stadt für einige Stunden zu entfliehen und Luft zu holen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Die Kleingärten haben sich über die Jahre zur grünen Lunge unserer Stadt entwickelt und die ist für die Menschen im Ballungsgebiet mittlerweile unverzichtbar“, erklärt Holger Lemke, Vorstandsvorsitzender des Stadtverbandes Essen der Kleingärtnervereine e. V. Heute gibt es in Essen 110 Kleingartenvereine mit rund 9.000 Mitgliedern. Eine bestimmte Zielgruppe gibt es nicht. „In Essens Kleingärten kommen rund 40 verschiedene Nationen zusammen“, weiß Klaus Wiemer, Vorstandsmitglied des Verbandes. „Die Gärten sind ein multikultureller Treffpunkt für Jung und Alt.“

2013 wurde in der Kleingartenanlage Lunemannsiepen in Essen-Kray der erste Schulgarten ins Leben gerufen. Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern können Mädchen und Jungen aus den umliegenden Kindergärten und Kindertagesstätten dort seither das ganze Jahr über säen, gärtnern und ernten. So entwickeln die Kleinen schon früh ein positives Verhältnis zur Natur. In Kooperation mit der Franz Sales Wohnen GmbH – einer Hausgemeinschaft in Essen-Kray, in der Menschen mit geistiger Behinderung betreut und gefördert werden – entsteht in der Kleingartenanlage auf der gegenüberliegenden Straßenseite nun auch der erste Inklusionsgarten Essens. Das Projekt wird am 30. Juni im Zuge der Grünen Hauptstadt vorgestellt und auch weitere Veranstaltungen sind geplant. „Ich hoffe, dass die Bevölkerung im Jahr der Grünen Hauptstadt realisiert, wie lebenswert unsere Stadt wirklich ist“, wünscht sich Klaus-Peter Koglin, Geschäftsführer des Stadtverbandes.

www.kleingaerten-essen.de

Ernten in der Stadt

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Was wächst eigentlich in unseren Gärten und wann hat welches Gemüse Saison? Bei den „säen, ernten, Essen“-Veranstaltungen im Frühling, Sommer und Herbst 2017 dreht sich alles um die lokale Produktion von Lebensmitteln. Denn heimische Erzeugnisse sind nicht nur nachhaltiger – sie schmecken auch besser. Neben Klein- und Gemeinschaftsgärten präsentieren sich Landwirtschaftsbetriebe, Hofläden und andere in Essen beheimatete Produzenten, um den Besucherinnen und Besucher interessante Einblicke in die lokale Nahrungsmittelproduktion zu gewähren.

Der erste von insgesamt drei Aktionstagen findet am 14. Mai statt. „Es gibt an diesem Tag insgesamt 20 kostenlose, von geschulten Volunteers geführte Radtouren, die jeweils drei bis vier teilnehmende Orte miteinander verbinden“, erklärt Jessica Lehmann, zuständige Projektmanagerin der Grünen Hauptstadt. Wer lieber in Eigenregie radeln möchte, kann sich die Karten oder GPX-Daten auch vorab im Internet herunterladen und terminunabhängig in die Pedale treten.

Bei Workshops und Veranstaltungen in den Gärten und Landwirtschaften können sich Interessierte auch zum Thema „Säen und Gärtnern“ informieren und ihre Erfahrungen austauschen. Auch für den Alltag hält das Programm einige Tipps in puncto nachhaltiger Ernährung bereit. Besucher können dabei ihre Sinne erkunden und sich unter anderem über heimisches Superfood informieren. Weitere Aktionstage folgen am 9. Juli sowie am 1. Oktober 2017.

www.deingrüneswunder.de


Impressum

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Bild 2 und 3: Daniel Müller
Bild 4: Andreas Fritsche
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Bild 11: Frank Vinken
Bild 12: DWB
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v.i.S.d.P.: Michael Höffken, Guido Schweiß-Gerwin
Geschäftsführer: Michael Höffken, Guido Schweiß-Gerwin

Erfüllungsort und Gerichtsstand: Essen
Handelsregisternummer: HRB 20929
USt-ID-Nr.: DE262295109

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